„Amazons Einstieg in die Seeschifffahrt markiert eine wichtige Zäsur“

Frage: Herr Dabelstein, gut vier von fünf deutschen Reedern gehen davon aus, dass die Digitalisierung die Schifffahrt in den kommenden Jahren erheblich verändern wird. Was sehen Sie auf Ihre Branche und MarConsult zukommen?

 

Mad Dabelstein: Der digitale Wandel wird uns Reeder in einer unterschiedlichen Intensität konfrontieren. Wir sind Trampreeder und konzentrieren uns auf die Containerfeeder, Stückgut- und Bulkschifffahrt, fahren daher selten feste Routen. Die Linienreeder allerdings sind schon jetzt von einem geänderten Kundenverhalten und dem Trend zu Online-Portalen betroffen. Will ein Kunde etwa eine Box von Shanghai nach Hamburg transportieren, wird er das nicht mehr über einen Spediteur machen, sondern den Transport von Haustür zu Haustür mit ein paar Klicks Online buchen können. Die Digitalisierung des Service wird Einfluss auf die Schifffahrt haben. Wie sehr und wann es MarConsult betrifft, wird sich noch zeigen. Bei uns ist das Thema Transport sehr individuell und lässt sich durch die Digitalisierung nur schwer effizienter organisieren. Unsere Schiffe werden dort eingesetzt, wo die Ladung gerade benötigt wird.

 

Frage: Wird die Digitalisierung im Containerbereich zu effizienteren Märkten führen?

 

Mad Dabelstein: Das glaube ich nicht. Weniger als zehn große Linien haben bereits die Weltherrschaft. Sie bilden ein Oligopol und können so den Preis maßgeblich diktieren. Das Sprichwort „Konkurrenz belebt das Geschäft“ gilt nicht mehr. Die großen Linien sind zudem über Allianzen verbunden, mit dem Ziel, ihre Schiffe auszulasten und den Preis für den Transport zu kontrollieren. Durch die Digitalisierung wird der Markt transparenter, aber das Oligopol bleibt dennoch bestehen. Die großen Linien können Bedingungen und Preise weiterhin diktieren.

 

Frage: Werden Containerschiffe schon bald weitgehend autonom fahren?

 

Mad Dabelstein: Mit den jetzigen Schiffstypen kann ich mir das nicht vorstellen. An Bord ist permanent etwas zu tun, die Ladung muss gesichert werden, die Maschinen gewartet oder repariert werden. Wie sollen diese Aufgaben per Joystick aus dem Hamburger Büro erledigt werden? Durch Roboter? Bei den derzeitigen Schiffstypen ist konstruktionsbedingt Personal zwingend erforderlich. Um Güter auf See wirklich autonom zu befördern, müssen neue Transportmittel erfunden werden, etwa eine Box, die über das Wasser treibt oder fliegt und die sich wartungsfrei über lange Distanzen bewegen kann. (Lacht)

 

Frage: Eine der großen Kunden der Schifffahrt ist Amazon. Können Sie sich vorstellen, dass der US-Konzern eine eigene Flotte aufbaut?

 

Mad Dabelstein: Amazon hat bereits eigene Frachtflugzeuge, LKW und Drohnen. Und nun überlegt Amazon – wie ich gelesen habe – tatsächlich, eine eigene Flotte aufzubauen und in das weltweite Überseefrachtgeschäft einzusteigen. Allerdings fehlt dem Online-Händler das spezielle Wissen der Seefahrt. Anfang des Jahres haben die Amerikaner eine entsprechende Lizenz erhalten und können jetzt Speditionsleistungen per Schiff von China in die USA anbieten und durch die Automatisierung Kosten sparen. Der Einstig eines Konzerns wie Amazon in die Seeschifffahrt markiert eine wichtige Zäsur und könnte das Oligopol der traditionellen Linien bedrohen.

 

Frage: Wie werden 3-D-Drucker ihre Branche verändern? Adidas hat bereits die ersten Sportschuhe ausgedruckt. Wird diese Technologie den physischen Warenstrom etwa zwischen China und Europa vermindern?

 

Mad Dabelstein: Ich kann diese Technologie noch nicht recht einschätzen. Wenn es aber tatsächlich so ist, dass immer mehr Produkte, wie Teile von Autos, Flugzeugen, Häusern oder Implantaten mit Hilfe von 3-D-Technologie „ausgedruckt“ werden können, dann wird es natürlich einen gewaltigen Impact auf die Branche haben, es wird eben weniger transportiert. So könnten womöglich Billigprodukte, die bisher aus Fernost kommen, in Europa konkurrenzfähig hergestellt werden. Das würde immerhin unseren Standort stärken.

 

Frage: Wie wird MarConsult von der Digitalisierung berührt? Gibt es für MC mehr Chancen oder Risiken?

 

Mad Dabelstein: Wir haben mit der Digitalisierung unserer Abläufe bereits begonnen. Über ein bestimmtes Tool können wir etwa sehen wo auf den Weltmeeren unsere Schiffe gerade fahren, wie hoch der Verbrauch oder wie der Zustand der Maschinen ist. Wir sind mit unseren Schiffen per Mail in Kontakt, versenden so große Datenmengen oder Bilder. Unsere Stückgutschiffe oder Bulker sind natürlich nicht so einfach zu digitalisieren wie Container, wo Roboter das Handeln der Waren übernehmen können. Unsere technischen Geräte, die wir an Bord haben, bedürfen unbedingt menschlicher Wartung. Die Digitalisierung der Schifffahrt funktioniert wie gesagt nur mit völlig neuen Transportmitteln. Dann werden womöglich Schifffahrtsexperten nicht mehr so wichtig sein, sondern eher Programmierer und Computerexperten. Und dann wird es den Typus Reeder wie bisher nicht mehr geben.

 

Möglich ist aber auch, das dass heute zwingend erforderliche Fachwissen in der Schiffahrt auch künftig durch Computer nicht ersetzt werden kann, wovon ich ausgehe und mich damit nicht zu den vier von fünf anfangs zitierten Reedern zähle.

 

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Das Interview führte Andreas Nölting

www.noeltingmedia.com