Wenn das eigene Kind ins Unternehmen kommt, ist das ein Bekenntnis

Der Großvater ein anerkannter Schifffahrtsfachanwalt, der Vater ein Schifffahrtskaufmann der 40 Jahre lang den einzigen deutschen Haftpflichtversicherer für Seeschiffe erfolgreich führte und Mad Dabelstein, Schifffahrts- und Reedereikaufmann und Inhaber der Reederei MarConsult (MC-Schiffahrt) – die Familie Dabelstein ist seit vielen Jahrzehnten in der Schifffahrt aktiv. Nun folgt in vierter Generation Sohn Finn, ebenfalls Schifffahrtskaufmann dieser Tradition und tritt bei MC-Schiffahrt ein. Was bedeutet dieser Schritt für Mad Dabelstein, das Unternehmen, die Investoren und die Banker?

 

Frage: Herr Dabelstein, MC-Schiffahrt ist ein bekennendes Familienunternehmen. Nun tritt Ihr Sohn Finn in die Firma ein und wird irgendwann womöglich Ihr Nachfolger. Wie sind die ersten Erfahrungen und was bedeutet Ihnen dieser Schritt?

 

Mad Dabelstein: Wir hatten in unserer Familie immer den Wunsch diesen Schritt einmal zu gehen. Finn sollte aber allein entscheiden, ob er es will und wann der Zeitpunkt gekommen ist. Die ersten Wochen der gemeinsamen Arbeit zeigen, dass Finn eine Ernsthaftigkeit mitbringt, die ich mir nicht nur als Vater, sondern auch als Vorgesetzter wünsche. Es ist schön zu sehen, wie gefestigt er bereits mit 24 Jahren wirkt und wie strukturiert er im Berufsleben ist, aber ich möchte die Vaterrolle hier nicht so sehr in den Vordergrund stellen. Ich habe einen jungen qualifizierten Mitarbeiter für die Befrachtung gesucht und mein Sohn brachte die besten Voraussetzungen mit. Er ist erfolgreicher Schifffahrtskaufmann und hat bereits Erfahrungen überwiegend in der Befrachtung von Containerschiffen gemacht. Nach seiner Ausbildung, in dem etablierten hamburger Unternehmen „Hanse Bereederung“, unter der Geschäftsführung von Axel Schulz, wurde Finn dort ins Angestelltenverhältnis übernommen. Er hat dort anschließend als „competitive Makler“ gearbeitet. Hierbei ist es das Ziel fremde Ladungen mit fremden Schiffen zusammenzubringen und dadurch Abschlüsse in die Bücher zu bekommen. Das ist, aufgrund der enormen Konkurrenz, ein harter und lehrreicher Job und genauso habe ich damals auch angefangen. Meiner Meinung nach sind die hier erlernten Eigenschaften von Kompromissbereitschaft und Verhandlungsgeschick die allerbesten Voraussetzungen für einen umsichtigen Reedereibefrachter, der nicht nur blind die eigenen Interessen verfolgen sollte.

 

Frage: Die Schifffahrt hat in Ihrer Familie schon lange Tradition?

 

Mad Dabelstein: Mein Großvater war Gründer der nach dem Krieg in Hamburg etablierten Anwaltskanzlei Dabelstein & Passehl, die sich damals wie heute noch auf See-, Transport- und Versicherungsrecht spezialisiert. Mein Vater wiederum ist Schifffahrtskaufmann und gründete zusammen mit seinem Vater in Hamburg eine Haftpflichtversicherungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit, die dem Modell der überwiegend in England ansässigen P&I Clubs folgte. Bei dieser Vorgeschichte war es kaum verwunderlich, dass ich in dritter Generation ebenfalls in die Schifffahrt wollte und schon damals das Ziel hatte einmal Reeder werden zu wollen. Das Ergebnis war die Gründung von MC-Schiffahrt. Wir sind ein Familienunternehmen, vielleicht bisher nicht im herkömmlichen Sinne. So waren die Schwager meines damaligen Partners als Inspektoren in unserer Reederei tätig, wir haben die Tochter unseres Fleetmanagers Eckhard Stieper zur Schifffahrtskauffrau ausgebildet, meine Tochter Karlotta hat neben Ihrem Studium insgesamt knapp drei Jahre in unserer Finanzabteilung gearbeitet, meine Stieftochter Marie ist halbtags als Assistentin der Geschäftsführung tätig und Björn Müller, der Sohn unseres Prokuristen und Chefs der Befrachtung, Bernd Müller, ist ebenfalls Befrachter in unserer Reederei und hat Anfang des Jahres Finn als weiteren Kollegen in der Befrachtung bekommen.

Wir verstehen uns als ein Familienunternehmen im positiven Sinne und wollen dies auch bleiben und so könnte ich mir kaum vorstellen einen Private-Equity-Investor bei uns einsteigen zu lassen. MC-Schiffahrt ist mein Lebenswerk, unbedingtes Commitment und Verlässlichkeit unsere Philosophie. Mit dem Einstieg von Finn habe ich keinesfalls meinen Rücktritt eingeläutet, dafür bin ich noch viel zu jung und habe noch viel zu viele Ideen und Pläne.

 

Frage: Was ist beim Übergang zu beachten? Gibt es Regeln im Umgang zwischen Vater und Sohn?

 

Mad Dabelstein: Die erste Frage, die mein Sohn mir zum Start stellte, lautete: „Wie spreche ich Dich an“? Das erinnerte mich an eine Situation, die ich vor vielen Jahren bei einem befreundeten Reeder erlebt hatte. Der Sohn (Mitte 40) sprach seinen Vater (70 Jahre) mit „Papi“ an. Ich war damals Mitte 20 und musste mich am Stuhl festhalten, um vor innerem Lachen nicht umzufallen. Ich habe meinen Sohn also gebeten, mich in unserem Unternehmen nie mit „Papi“ anzusprechen, weil das seine Position nicht unbedingt stärkt und unsere Zusammenarbeit verniedlicht. Wir sprechen uns also mit unseren Vornahmen an. Ferner haben wir beschlossen, niemals zuhause im Kreise der Familie über unser Geschäft zu sprechen. Das machen wir entweder am nächsten Tag im Büro oder am Wochenende in meinem Arbeitszimmer – aber niemals bei Tisch. Das sind die beiden einzigen Regeln die wir, neben dem für uns selbstverständlichen offenen und aufrichtigen Umgang miteinander, vereinbart haben.

 

Frage: Wie ist die Personalie im Unternehmen aufgenommen worden?

 

Mad Dabelstein: Die langjährigen Mitarbeiter kennen Finn schon von klein auf an. Die Resonanz nach knapp vier Wochen ist ausschließlich positiv. Finn tritt nicht als Juniorchef auf, er ist angestellter Befrachter. Aufgrund der in die Zukunft ausgerichteten Pläne, wird Finn allerdings zunehmend an allen wichtigen Meetings teilnehmen, damit er im Thema ist und darüber hinaus auch eine vertrauensvolle Beziehung zu unseren Investoren und Bankern aufbauen kann. Unsere Philosophie ist der persönliche, vertrauensvolle Umgang mit unseren Geschäftspartnern und diesen aufzubauen oder zu vertiefen erfordert viel Zeit. Unsere Partner und Investoren begrüßen es außerordentlich, dass nunmehr die zweite Generation in MC-Schiffahrt antritt. Es zeigt, dass wir trotz der schwierigen Situation auf dem Schiffsmarkt, weiter zu dem stehen was wir tun. Denn wenn man das eigene Kind ins Unternehmen holt, ist das ein Bekenntnis zur Zukunft von MC-Schiffahrt.

 

Frage: Sind Familienunternehmer gute Unternehmer?

 

Mad Dabelstein: Entweder ist man ein Unternehmer oder nicht. Ich muss als Unternehmer rund um die Uhr mit meinem Unternehmen und den dortigen Prozessen vertraut sein, ständig an neuen Strategien und Konzepten arbeiten und kann daher nur schwer komplett abschalten. Ich denke nicht, dass man pauschalieren kann, dass Familienunternehmer grundsätzlich gute Unternehmer sind. Es gibt schließlich viele Familienunternehmen in denen keine Einheit besteht und die deshalb auch weniger erfolgreich sind. Für mich sind Faktoren wie Verlässlichkeit, Vertrauenswürdigkeit und Nachhaltigkeit deutlich entscheidendere Argumente für den Erfolg eines Unternehmens. Möglicherweise ist ein Familienunternehmen eher von Nachhaltigkeit geprägt, da es das Ziel ist Generation übergreifend fortbestehen zu lassen.

Mit dem Eintritt meines Sohnes in unser Unternehmen ist der Generationenwechsel in MC-Schiffahrt eingeleitet. Allerdings habe ich keinesfalls vor mich absehbar aus dem Unternehmen zurück zu ziehen, vielmehr ist es das erklärte Ziel, weitere Ideen und Pläne in enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit meinen Kollegen und allen Mitarbeitern erfolgreich zu realisieren.

Mein Vater sagte kürzlich zu mir, als er Finn und mich in der Reederei besuchte: „Siehst Du Junge, so schnell wird man zum Senior“. Recht hat er damit, dies macht mir aber keine Angst, denn die Erfahrung, zu gegebener Zeit durch den Junior eingeholt, überholt und abgelöst zu werden, habe ich bereits im Hockeybereich machen dürfen. Als anfänglicher Mannschaftbetreuer der Kindermannschaft von Finn habe ich ihn und seine Mannschaftskameraden über einen Zeitraum von insgesamt 10 Jahren betreut. Ich musste mich im Laufe der Jahre immer mehr anstrengen den Ball gegen Finn zu behaupten, um irgendwann festzustellen keine Chance mehr zu haben. Heute spielt Finn Bundesliga und trainiert mich zeitweilig in meinem Herren-Team. Den gleichen Prozess werde ich auch in MC-Schiffahrt erleben, dann werde ich allerdings zu gegebener Zeit weiterhin der Trainer von Finn sein, um ihn an meiner Erfahrung teilhaben zu lassen.

 

 

———————————————–

Das Interview führte Andreas Nölting

www.noeltingmedia.com