„Wenn die Krise zum Normalzustand wird.“

Frage: Herr Becker, wie viel Freude bereitet es Ihnen noch, in diesen turbulenten Zeiten als Finanzchef für einen Reeder wie MarConsult zu arbeiten?

Marcel Becker: Die Freude an meinem Job ist immer noch groß. Die „turbulenten Zeiten“ sind für uns zu einem Normalzustand geworden. Wir jammern also nicht über die Probleme und den Verfall der Charterraten, sondern wir sehen die schwierige Situation als gegeben. Dafür freuen wir uns umso mehr, wenn wir über die aktuellen Raten hinausgehen und unsere Schiffe wieder in Zonen kommen, die für alle Beteiligten auskömmlich sind. Der Schiffsmarkt ist seit vielen Jahren in der Krise, das macht unser Geschäft interessant und bringt jeden Tag neue Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen.

Frage: Was macht Sie so zuversichtlich, nicht wie viele andere Reeder aus dem Markt gedrückt zu werden?

Marcel Becker: Wir haben gelernt, in vielen Bereichen unsere betriebswirtschaftlichen Stellschrauben dem schlechten Markt anzupassen. MarConsult ist mit seiner Flotte aus Feederschiffen, Vielzweck- und Massengutfrachtern zum Glück in einem Segment tätig, an dem die großen Reedereien noch kein Interesse haben. Diese Nischen geben uns die Chance, noch einigermaßen erträgliche Charterraten zu erzielen. Allerdings müssen wir tatsächlich jeden Tag darum kämpfen, auskömmliche Charter für unsere Schiffe zu finden. Denn die Zeiten, in denen Verträge über mehrere Jahre geschlossen wurden, sind definitiv vorbei. Im Moment laufen die Kontrakte zwischen vier Wochen und sechs Monate. Hier lukrative Abschlüsse zu finden, ist eine enorme Herausforderung für unsere Befrachter.

Frage: Wie betrachten die Banken die Turbulenzen in der Schifffahrt?

Marcel Becker: Die Banken betrachten sich momentan eher selbst als den Schiffsmarkt zu betrachten. Die Bilanzierungsregeln werden für sie immer strenger und die Wirtschaftsprüfer achten darauf, dass diese umgesetzt werden. So werden selbst vielversprechende Geschäfte von den Banken nicht wahrgenommen, weil einige Details eben so sind, dass die Wirtschaftsprüfer damit nicht einverstanden sind. Dieser Druck der Regulatoren wird natürlich an uns weitergegeben und wir müssen uns vielen Fragen der Prüfer stellen. Die Banken wollen ihre Risiken absichern und die Bilanzierungsregeln aus Brüssel werden immer komplexer.

Frage: Nun wollen sich Institute wie die Commerzbank oder die HSH Nordbank komplett aus der Schifffahrt verabschieden. Was bedeutet das für MarConsult?

Marcel Becker: Es ist in der Schifffahrt generell schwieriger geworden, Finanzierungen zu erhalten. Das gilt insbesondere für Neubauten, denn hier muss die Vorlaufphase finanziert werden. So wird es schwierig die Flotte zu erneuern. Statt also den schwachen Markt und die niedrigen Preise für gebrauchte Schiffe als Chance zu nutzen, wird die gesamte Branche von den Bankern verteufelt und sämtliche Engagements von ihnen beendet. Das ist keine kluge kaufmännische Sicht. Zum Glück gibt es einige wenige Banken, mit denen wir zusammen arbeiten, die den Markt und die Schiffstypen differenziert betrachten und unsere Nische für Investitionen nutzen.

Frage: Werden Schiffsbeteiligungen wegen des Anlagenotstandes vieler Menschen und Institutionen wieder interessanter?

Marcel Becker: In der Tat suchen hohe Geldbeträge nach Anlagen. Denn Habenzinsen gibt es kaum noch und in der Schweiz müssen für Euroanlagen bereits Negativzinsen gezahlt werden. Ob private Investoren den Schiffsmarkt für sich entdecken, das wage ich zu bezweifeln. Die Zeit der KG-Modelle ist längst vorbei, die Regularien sind zu streng geworden. Aber unternehmerische Investoren, die sich in unserer Branche gut auskennen, sind unsere neuen Partner und lösen die alten Banken ab.

Frage: MarConsult will weiterhin in gute, gebrauchte Schiffe investieren. Wie wollen Sie die Expansion finanzieren?

Marcel Becker: Es gibt wie gesagt noch einige wenige Banken, die gegenüber solchen Projekten offen sind. Allerdings ist die erforderliche Eigenkapitalquote von 10 auf 30 bis 40 Prozent gestiegen. Das ist ein Weg. Die andere Möglichkeit ist es mit institutionellen Investoren zu arbeiten, die uns Kapital geben, bestimmte Schiffe zu erwerben und so komplett ohne die traditionellen Banken zu investieren. Banken sind in vielen Bereichen zu sprunghaft. Wir sprechen mit international tätigen Investoren und Fonds, die entweder ihr Portfolio diversifizieren wollen oder sich komplett auf dieses Segment spezialisiert haben. Diese Investoren wissen genau was sie tun und halten an ihren Entscheidungen fest. Es sind unternehmerisch denkende Investoren.

Frage: Mit Hilfe institutioneller Anleger könnte also der weitere Ausbau der MC-Flotte gestemmt werden?

Marcel Becker: Die institutionellen Investoren wollen eine gewisse Größenordnung. Je mehr Schiffe wir haben, desto interessanter werden wir für sie. Im Moment verfügen wir über 22 aktive Schiffe. Unser Ziel ist es die Flotte auf 30 bis 40 Schiffe auszubauen – also Handysize Bulker, kleine Feederschiffe und Vielzweckfrachter. Unser Personal von knapp 30 Mitarbeitern würde für das Management einer solchen Flotte durchaus reichen. Mit diesem Portfolio kann man auch weiter denken, es etwa an die Börse bringen oder mit jemand anderem zusammenführen. Daher machen wir uns auch über unsere Rechtsform – wir sind ja eine GmbH & Co KG – Gedanken. Eine Aktiengesellschaft etwa würde die Anteile für Investoren leichter handelbar machen. Das muss ja nicht über ein IPO geschehen.

Frage: Ihnen bereitet es also weiterhin Freude, MarConsult in neue Zeiten zu führen?

Marcel Becker: Auf jeden Fall. Wir haben ein angenehmes Team, mit dem ich sehr gerne arbeite. Wir können mit der Krise leben und wir kämpfen. Wir haben für die Finanzierung unserer Pläne sehr interessante Partner gefunden. Das werden wir nutzen, um für MarConsult und alle Beteiligten eine schöne rentierliche Zukunft zu gestalten.

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Die Fragen stellte Andreas Nölting
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